Sonya Kuchen an der CC-Netzwerktagung in Zürich

«Altwerden darf nicht Privatsache sein»

Sonya Kuchen von Pro Senectute Schweiz spricht über den Verlust der Grossfamilie in westlichen Ländern, die neue Zweiklassengesellschaft im Alter und warum sich künftige Generationen nicht mehr mit 65 zur Ruhe setzen werden.

Frau Kuchen, was beschäftigt Sie?

Sonya Kuchen: Mich beschäftigt die abnehmende Solidarität. In einem eher neoliberal geprägten Land wie der Schweiz ist Altwerden weitgehend zur Privatsache geworden. Ältere Menschen sind durch die gesunde Ernährung und die gute medizinische Versorgung zwar fitter als früher, aber es fehlen oft familiäre Strukturen.

Was ist der Grund für diese Entwicklung?

Die Grossfamilie hat mit der Industrialisierung an Bedeutung verloren. Plötzlich fand die Arbeit nicht mehr auf dem Bauernbetrieb, sondern in den Fabriken der Städte statt. Die arbeitende Bevölkerung zog weg, die Älteren blieben zurück. Mit dem Verlust der familiären Strukturen kamen die staatlichen Sozialwerke.

Ich beobachte einen starken Familienzusammenhalt in Lateinamerika oder Südostasien. Ist das kulturell bedingt?

Ich glaube, der Grund ist eher, dass der Staat in vielen Ländern Süd- und Osteuropas, Lateinamerikas oder Asiens schwach ist und die Unterstützungsleistung an die Familie delegiert.

Werden Caring Communities in der Schweiz dereinst die Familie ersetzen?

Teilweise sicher. Wir kommen in der Schweiz an einen Punkt, wo Familien sehr klein und multilokal sind: Alleinerziehende, Singles, Working Poor, kinderlose Paare oder Patchwork-Familien sind heute schon eher die Norm als das traditionelle Familienmodell.

Die Menschen werden immer älter. Wie stemmen wir die Altersvorsorge?

Das Pensionsalter muss variabel ausgestaltet werden und abhängig sein von der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit jedes Einzelnen. Klar, auf dem Bau oder in Betrieben mit einem 24/7-Betrieb ist der Mensch nicht grenzenlos leistungsfähig. Die Leute sind heute mit 65 aber eigentlich noch zu fit, um sich zur Ruhe zu setzen.

Das heisst, wir werden lebenslang arbeiten müssen?

Es ist so, dass viele gerne noch länger arbeiten möchten. Sei es, weil ihre Rente sehr schmal ist oder weil sie noch gebraucht werden wollen. Leider entsteht in der Schweiz eine Zweiklassengesellschaft: Die einen können ihre Pension geniessen und reisen, die anderen müssen jeden Rappen umdrehen. Mikro-Jobs (z.B. rentarentner.ch, Anm. der Red.) würden es älteren Menschen ermöglichen, sich zum Beispiel mit Nachbarschaftshilfe einen Batzen dazu zu verdienen.

Werden die Millenials noch eine Altersvorsorge haben?

Ich glaube nicht, dass die Schweiz ihre Errungenschaft der Altersvorsorge je aufgeben wird. Wir werden alle Hebel in Bewegung setzen, um den Sozialstaat auch in Zukunft zu sichern.

Zur Person
Sonya Kuchen ist Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung (Fachbereiche) von Pro Senectute Schweiz. Die Pro Senectute engagiert sich als Trägerin für das Netzwerk Caring Communities.

Interview: Anina Torrado Lara
Foto: Anna-Tina Eberhard

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