Das BAG engagiert sich für eine neue Sorgekultur.

BAG entlastet betreuende Angehörige

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) lancierte 2017 das Förderprogramm «Entlastungsangebote für betreuende Angehörige» und begrüsst die Entwicklung von Sorgekulturen in Gemeinschaften. Wir fragen Facia Marta Gamez vom BAG nach modellhaften Initiativen in der Schweiz.

Interview: Anina Torrado Lara
Fotos: BAG, Pfuschi-Cartoon

Frau Marta Gamez, was verstehen Sie unter einer «Caring Community»?

Facia Marta Gamez: Wir finden die Idee der Sorgekultur («Caring Communities») sehr spannend, weil sie die betreuenden Angehörigen entlastet. Wir verstehen darunter eine Gemeinschaft in einem Quartier, einer Gemeinde oder einem Dorf, in der Menschen füreinander sorgen, sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam Verantwortung für soziale Aufgaben übernehmen. In einer Sorgekultur erhalten betreuende Angehörige die Möglichkeit, Teil eines sozialen und solidarischen Netzwerks zu sein, in dem sie Hilfe annehmen können und entlastet werden. Die Sorgekultur findet vor Ort statt und setzt bei den lokalen Ressourcen an. Daher ist sie eine sehr niederschwellige Art der Entlastung.

Auf wen zielt das Förderprogramm des BAG ab?

Wir haben das Förderprogramm im Februar 2017 gestartet, weil Angehörige bei der Betreuung von kranken, verunfallten und behinderten Kindern und Erwachsenen zu Hause eine wichtige Rolle übernehmen. Das Förderprogramm will einen Beitrag dazu leisten, die Rahmenbedingungen von betreuenden und pflegenden Angehörigen zu verbessern. Hierzu erarbeiten wir praxisnahe Wissensgrundlagen. Wir dokumentieren auch Modelle guter Praxis aus der Schweiz, damit Fachleute ihre Angebote weiterentwickeln können.

Jedes Jahr werden in der Schweiz 80 Millionen Stunden unentgeltlicher Arbeit im Wert von 3,7 Milliarden Franken geleistet.

Facia Marta Gamez, Bundesamt für Gesundheit

Welche guten Beispiele kennen Sie in der Schweiz?

Wir haben bereits verschiedene Initiativen dokumentiert (vgl. Infobox). Das Pilotprojekt «soziale Abwartin» aus der Gemeinde Cadenazzo im Tessin ist eines davon. Es wird dem Wunsch älterer Menschen gerecht, möglichst lange zu Hause zu leben. Eine Pflegeassistentin übernimmt dabei viele Aufgaben: Sie bietet Spitex-Dienstleistungen an, ist tagsüber bei kleineren, nicht-medizinischen Notfällen erreichbar und veranstaltet regelmässig gesellige Aktivitäten. In enger Zusammenarbeit mit der Sozialarbeiterin der Gemeinde informiert und berät sie Betagte und deren Angehörige bei gesundheitlichen und sozialen Fragen. Eine Haushaltshilfe übernimmt zudem einen Teil der Betreuung und entlastet damit die Angehörigen. Dank dem regelmässigen, nahen Kontakt entsteht eine vertrauensvolle Beziehung zwischen der sozialen Abwartin und der betreuten Person. Durch die Nähe, den Austausch sowie die enge Zusammenarbeit mit Fachleuten, Freiwilligen und der Gemeinde werden die älteren Bewohnerinnen und Bewohner von Cadenazzo unterstützt und die Gemeinschaft gefördert.

Was ist als nächstes geplant?

Bis Ende Jahr werden wir noch weitere Modelle guter Praxis in Zusammenhang mit Sorgekulturen in Gemeinschaften dokumentieren: In der zweiten Jahreshälfte erscheint ein Porträt zu Fahrdienstangeboten und eines zum Selbstmanagement von betreuenden Angehörigen.

Nebst niederschwelligen Initiativen sind auch Versorgungsangebote wichtig für die Entlastung. Wir wissen, dass es bereits viele solcher Angebote gibt, sie von den betreuenden Angehörigen aber noch zu wenig genutzt werden. Im Förderprogramm untersuchen wir deshalb mit Hilfe von Forschungsprojekten wichtige Aspekte wie die Bedürfnisse von betreuenden Angehörigen, Einflussfaktoren auf die Nutzung der Angebote oder Massnahmen für eine bessere Vereinbarkeit von Angehörigenbetreuung und Erwerbstätigkeit in Schweizer Unternehmen. Dadurch liefern wir Grundlagen für die Weiterentwicklung der bestehenden Angebote. 

Die Sorgekultur wirkt als Einflussfaktor im gesellschaftlichen Kontext, um betreuende Angehörige zu entlasten (Quelle: BAG)

Welche volkswirtschaftliche Bedeutung hat die Betreuung von Angehörigen?

Laut der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung leisteten 2016 in der Schweiz rund 300’000 Personen ab 15 Jahren unbezahlte Arbeit für pflegebedürftige Personen. Insgesamt waren dies 80 Millionen Stunden unbezahlte Arbeit. Bei angenommenen durchschnittlichen Arbeitskosten von 45.50 Franken pro Arbeitsstunde ergibt sich ein Geldwert von jährlich 3,7 Milliarden Franken.

Damit Pflege- und Betreuungsaufgaben nicht zu einem Armutsrisiko werden, sind insbesondere Massnahmen zur Förderung der Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenbetreuung von Bedeutung.

Was, wenn die Bereitschaft zu unentgeltlicher Arbeit abnimmt?

Es sollte kein gesellschaftlicher Druck auf Familienmitglieder ausgeübt werden, ihre Angehörigen in einem möglichst hohen Masse selbst zu betreuen oder zu pflegen. Besteht die Bereitschaft, sind jedoch Massnahmen notwendig, die es Erwerbstätigen erlauben, kranke und pflegebedürftige Familienmitglieder im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu betreuen und zu pflegen. Und genau dafür setzen wir uns mit dem Förderprogramm ein.

Zur Person
Facia Marta Gamez arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bundesamt für Gesundheit unter anderem für das Thema «betreuende Angehörige».

Sorgekultur in Gemeinschaften
Im Frühling 2016 hat der Bundesrat das Förderprogramm zur Weiterentwicklung der Unterstützungs- und Entlastungsangebote für betreuende Angehörige lanciert. Dieses dauert bis 2020 und soll die Situation und Bedürfnisse von betreuenden Angehörigen untersuchen. Im Rahmen des Förderprogramms werden auch bestehende Angebote und Massnahmen mit Vorbildcharakter dokumentiert. Ein Modell guter Praxis zur Entlastung betreuender Angehöriger ist die Sorgekultur in Gemeinschaften. In diesem Artikel porträtiert das Bundesamt für Gesundheit (BAG) Initiativen aus der Schweiz. In der Online-Datenbank und auf der Webseite finden Sie weitere Informationen.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Zeen is a next generation WordPress theme. It’s powerful, beautifully designed and comes with everything you need to engage your visitors and increase conversions.