«Der Leidensdruck ist noch nicht gross genug»

Armin Kistler ist Gemeindepräsident in Reichenburg. Die Überalterung empfindet er als eine der grössten Herausforderungen unserer Zeit. Seine Antwort darauf ist «richäburg.füränand», ein wegweisendes Entlastungsmodell für Pflegebedürftige und deren Angehörige.

Herr Kistler, wie kamen Sie auf die Idee für «richäburg.füränand»?

Armin Kistler: Matthias Radtke (Geschäftsleiter des Wohnzentrums Zur Rose Reichenburg) fragte mich eines Tages, an wen sich ältere Menschen eigentlich wenden könnten, wenn sie Hilfe brauchen und nicht auf die Gemeinde gehen wollen. Ich habe gemerkt: Wir müssen eine niederschwellige Anlaufstelle schaffen, die den älteren Menschen keine Angst macht. Daraus entstand unter der Federführung von Matthias Radtke die «Koordinationsstelle für Altersfragen», die dem Altersheim «Zur Rose» angegliedert ist. Und daraus folgend entstand dann «richäburg.füränand».

Was ist so besonders an Ihrem Modell?

Das Modell soll eine ganzheitlich integrierte Versorgung im angestammten Sozialraum leisten. Das heisst, wir schaffen ein Ökosystem rund um die pflegebedürftige Person und koordinieren Spitäler, Ärzte, Pflegepersonal, Angehörige, Freiwillige etc. darum herum.

Wird Ihr Modell von anderen Gemeinden kopiert?

Zuerst müssen wir jetzt unser richäburg.füränand wirklich «zum Fliegen» bringen. Ich hoffe dennoch, dass unser Modell ein Vorbild ist. Jede Gemeinde muss sich grundlegende Gedanken zu ihrer Altersstrategie machen. In der Politik braucht es sehr oft einen gewissen Leidensdruck. Viele sind sich noch nicht bewusst, was mit der Überalterung auf uns zukommt – und das nicht nur auf der monetären Seite, sondern mit einer steigenden Anzahl von Leuten, die aus der Gemeinschaft herausfallen.

Was ist die Rolle der Gemeinde?

Die Aufgabe der Gemeinde ist meiner Meinung nach, die Interessen und Bedürfnisse der Bürger*innen bestmöglich aufzunehmen und abzubilden. Der Staat sind nicht die Politiker, sondern die Bürger*innen. Diese entscheiden an der Gemeindeversammlung darüber, wieviel Ressourcen und Geld in die einzelnen Ressorts fliesst. Ich wünsche mir, dass sich jeweils mehr als nur ein bis zwei Prozent der Bevölkerung für ihre eigene Zukunft interessieren und einsetzen.

Was muss passieren, damit die Zivilbevölkerung aktiv wird?

Scheinbar geht es uns so gut, dass die Leute sich gar nicht für die Gemeinschaft interessieren. Zumindest nicht, bevor sie selber Hilfe benötigen. Ein Beispiel: Wir wollen unser Leitbild für die nächsten 20 Jahre erarbeiten. Auf der grünen Wiese, zusammen mit der Bevölkerung. Wir haben jede Bewohnerin und jeden Bewohner persönlich angeschrieben und Flyer verteilt. Schlussendlich haben sich 40 (von gut 3’700 Einwohnenden) dafür angemeldet.

Zur Person
Armin Kistler ist Gemeindepräsident von Reichenburg im Kanton Schwyz. Er möchte Fragen und Anliegen der Bevölkerung wann immer möglich persönlich beantworten. Zweimal wöchentlich steht seine Tür für Bürgersprechstunden offen. Wir haben Armin Kistler an der 2. CC-Netzwerktagung getroffen.

Interview: Anina Torrado Lara
Foto: Anna-Tina Eberhard

  1. Ein richtig guter Ansatz. Mir scheint ganz wichtig zu sein, dass die Idee und erste Schritte entstehen, bevor der von Armin Kistler erwähnte Leidensdruck da ist. Der kommt so oder so, und dannfinden wir auch die Leute, die sich engagieren. Dranbleiben.

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