Rhea Braunwalder (Mitte) moderiert ein Erzählcafé in St.Gallen. Links und rechts von ihr hören zwei junge Frauen aufmerksam zu.
Rhea Braunwalder (Mitte) moderiert ein Erzählcafé in St.Gallen.

Am Erzählcafé: ein Selbstversuch

Was ist eigentlich deine Geschichte? Nichts fesselt mich mehr, als wenn mir Menschen aus ihrem Leben erzählen. Für das gegenseitige Erzählen und Zuhören gibt es ein Format: das Erzählcafé. Ich habe es kürzlich ausprobiert.

Autorin: Anina Torrado Lara
Foto: Kathrin Schulthess

Wir treffen uns an einem Nachmittag im Solidaritätshaus in St.Gallen, einem offenen Haus für Flüchtlinge und Migranten aus der Region St.Gallen, Appenzell und Thurgau. Ich fühle mich sogleich wohl im gemütlichen Esssaal im Dachstock. Aus der Küche duftet es nach Brownies, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer trudeln langsam ein. Ich finde mich am Tisch mit wildfremden Menschen wieder: Einer Tänzerin aus Brasilien, zwei Flüchtlingen aus Afghanistan, einer Bäckerin aus Abtwil, einer iranische Anwältin und der Moderatorin. Diese führt die bunt zusammengewürfelte Gruppe ins heutige Thema ein: «Schreiben».

Gut, denke ich, Schreiben ist ja mein Beruf, also wird mir dazu schon etwas einfallen. Ein bisschen nervös bin ich aber schon. Als es dann losgeht, erlebe ich etwas Erstaunliches. Gewöhnt daran, dass man in Meetings immer schauen muss, dass man auch einmal zu Wort kommt, erfahre ich hier respektvolles Zuhören – und zwar, bis man seine Geschichte wirklich beenden will. Immer wieder entstehen Gesprächspausen, um den Erzählerinnen und Erzählern die Gelegenheit zu geben, noch etwas hinzuzufügen.

Sofort entspanne ich mich und höre in Ruhe zu, mache mir meine Gedanken und erzähle schliesslich auch eine Anekdote. Als ich mich so mit dem Thema Schreiben befasse und die Lebensgeschichten der anderen höre, fallen mir plötzlich Erlebnisse aus meiner Kindheit ein: Ich war mit meinen Aufsätzen immer in der Halbzeit durch und hatte keinen Nerv mehr, diese zu überarbeiten. So gab ich sie ab – der Lehrer war «not amused» und gab mir für meine «Schreibeffizienz» nicht das beste Feedback.

Zeit für Musse
Die Zeit vergeht wie im Fluge und bald ist es Zeit, die Brownies aus dem Ofen zu holen und im informellen Teil noch ein wenig zu plaudern. Ich gehe mit einem guten Gefühl aus dem Erzählcafé. Hier nimmt man sich Zeit. Hier hört man zu. Ich bin tief beeindruckt von den Menschen und ihren Lebensgeschichten. Wir haben übers Schönschreiben in der Schule gelacht. Jemand hat erzählt, dass man in Japan mit einem Stempel unterschreibt. Die Iranerin und die Afghanen haben über den Unterschied zwischen Farsi und Dari gesprochen.

Meine Erkenntnis an diesem Nachmittag: In der heutigen hektischen Welt und der Kommunikation über Social Media kommt das zwischenmenschliche Gespräch oft zu kurz. Das Erzählcafé ist ein inspirierendes Format, das es sich lohnt auszuprobieren.

Zur Person
Anina Torrado Lara ist freischaffende Kommunikationsberaterin und Journalistin. Sie mag Experimente und ist öfters in der Welt unterwegs, um fremde Länder, Leute, Kulturen und Lebensweisen kennenzulernen. Beim Netzwerk Caring Community verantwortet sie die Kommunikation.

Erzählcafé: ist das etwas für mich? 
Das Netzwerk Erzählcafé Schweiz ist ein Beispiel für selbstorganisierte Caring Communities. Kleine Gruppen von Menschen treffen sich an einem Ort, um sich gegenseitig Geschichten zu erzählen und zuzuhören. Dadurch entsteht eine Gemeinschaft auf Zeit, man fühlt sich zugehörig. Probieren Sie es aus! Auf www.netzwerk-erzaehlcafe.ch finden Sie Termine in der ganzen Schweiz. Die Veranstaltungen sind – wenn nicht anders vermerkt – kostenlos und für alle offen.

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