Migros Kulturprozent

Was sind Erfolgsfaktoren von Caring Communities?

Christoph Steinebach, Professor am ZHAW Departement Angewandte Psychologie, ist Experte für Caring Communities. Er untersuchte im Auftrag des Migros-Kulturprozent die Erfolgsfaktoren von Tavolata-Gruppen in der Schweiz.

Autorin: Anina Torrado Lara
Fotos: Kathrin Schulthess

«Caring Communities» oder zu Deutsch «Sorgende Gemeinschaften» können viele Formen annehmen. Traditionell stammt das Konzept aus der Pflege. Mit Tavolata hat das Migros-Kulturprozent vor neun Jahren ein Netzwerk für selbstorganisierte Tischgemeinschaften geschaffen. Heute treffen sich über 400 Tavolata in der ganzen Schweiz zum gemeinsamen Kochen und Essen.

Kochen macht glücklich

«Die Treffen in der Tavolata-Gruppe machen den Menschen Freude und haben eine grosse Wirkung auf das allgemeine Wohlbefinden im Alltag», erklärte Christoph Steinebach anlässlich der Tavolata-Jahrestagung vom 6. Mai 2019. Der ZHAW-Professor befragte in den letzten Monaten 150 Tavolata-Mitglieder im Alter von 30 bis 90 Jahren, um die Erfolgsfaktoren der Tischgemeinschaften wissenschaftlich zu erheben.

Christoph Steinebach präsentiert die Resultate der Tavolata-Studie in Olten.

«Viele sagten, es gefalle ihnen, dass sie den regelmässigen Austausch pflegen. Und sie sehen im gemeinsamen Kochen und Essen eine Herausforderung im Alltag», erklärte Christoph Steinebach. An dritter Stelle folgte die Freude an der Gemeinschaft: «Die Gruppen leben vom Wir-Gefühl mehr als von Regeln und Rollen. Freude, Vertrauen, Toleranz und Dialog sind die Basis dafür.»

Erfolgsfaktoren einer Tavolata
Die Befragten waren sich laut Steinebach einig, dass einige Faktoren stimmen müssen, damit eine Tavolata im Alltag Erfolg hat:

  • Gemeinsam soll die Häufigkeit und Dauer der Treffen festgelegt werden.
  • Die Grösse der Gruppe soll zu den Zielen und zum Ort der Treffen passen.
  • Gemeinsame Interessen fördern das «Wir-Gefühl» der Gruppe trotz aller Unterschiede.
  • Eine zentrale Ansprechperson ist wichtig.
  • Es braucht Absprachen zur Verteilung der Kosten.
  • Es braucht eine geeignete Infrastruktur.

Weniger wichtig erschien den Teilnehmenden, dass die Gruppe eine feste Anzahl Mitglieder hat oder dass Unterstützung vor Ort geboten wird. «Die Tavolata-Gruppen sind sehr autonom in der Organisation», so Steinebach. «Sie leben vor allem von guten Gesprächen, der Zeit, die sie miteinander verbringen, Toleranz für das Gegenüber und der Freude an einer gemeinsamen Erfahrung.»

In schwierigen Situationen Gespräch suchen

Und was, wenn es mal schwierig wird? Die Befragten sagten:

  • In schwierigen Situationen muss die Vertraulichkeit gesichert sein.
  • Es ist wichtig, sich auch in schwierigen Zeiten gegenseitig zu unterstützen.
  • Bei besonderen Problemen einzelner sollte das vertrauliche Gespräch gesucht werden. Je nachdem sollte sogar professionelle Hilfe beansprucht werden.
  • «Jammern» oder das Dominieren von Themen (z.B. Krankheiten) sollten vermieden werden. Stattdessen sind Gesprächsregeln wichtig, damit jeder am Gespräch teilnehmen kann.

Steinebach sagt dazu: «Jede Gruppe definiert zwar Regeln und Rollen, doch es gibt im Alltag eher selten Probleme. Man löst diese in der Regel unkompliziert.» Und wann scheitert eine Tavolata? «Problematisch kann es werden, wenn eine neue Person zur eingeschworenen Gruppe dazu stösst. Viele bekunden dann Mühe, wenn die Person ihre eigenen Ideen mitbringt – oder sogar die Regeln ändern will.»

Einen Tipp hat Steinebach für jede Tavolata-Gruppe: «Definieren Sie die Regeln und Rollen gemeinsam. Will eine Person das Zepter zu fest in die Hand nehmen, scheitert die Gruppe. Die Balance zwischen Geben und Nehmen, zwischen Bestimmen und Einstimmen ist der kritischste Erfolgsfaktor.»

Gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken

Robert Sempach, Projektleiter von Tavolata beim Migros-Kulturprozent und Auftraggeber der Studie, hat in seiner Arbeit mit Tavolata-Gruppen ähnliche Erfolgsfaktoren erkannt: «Viele Menschen machen bei einer Tavolata mit, weil ihnen die Gemeinschaft wichtig ist. Andere sagen, sie wollen einfach mal wieder so richtig gut kochen – wie früher für ihre Familie», erzählt er. Er wünscht sich, dass noch mehr Menschen in der Schweiz sich in Tavolata organisieren und so den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. «Unser Ziel mit dem Projekt ist es, dass die Gruppe sich über die Tavolata hinaus bei der Bewältigung von Herausforderungen gegenseitig unterstützt.»

Zur Person

Prof. Dr. Christoph Steinebach ist Direktor des Departements Angewandte Psychologie und Direktor des IAP Instituts für Angewandte Psychologie an der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Er ist Mitgründer des Netzwerks Caring Communities Schweiz.

Sind Sie interessiert an der Tavolata-Idee?
Die Präsentation von Christoph Steinebach, die er an der Tavolata-Jahrestagung vom 6. Mai 2019 gehalten hat, finden Sie hier zum Download. Besuchen Sie auchwww.tavolata.ch oder schreiben Sie uns: info@tavolata.ch.

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