Zu Besuch im Ökodorf in Degersheim

Im st.gallischen Degersheim bildete sich vor zehn Jahren eine Lebensgemeinschaft der besonderen Art: Rund 30 Erwachsene und 30 Kinder leben im «Herzfeld Sennrüti» (ehemals Ökodorf Sennrüti) nach gemeinsamen Regeln zusammen. Rhea Braunwalder vom Netzwerk Caring Communities Schweiz hat die Community anlässlich der Sommerkonferenz des Global Ecovillage Network – Suisse (GEN Suisse) besucht.

Autorin: Rhea Braunwalder
Foto: Facebook Herzfeld Sennrüti

An einem sonnigen Morgen im Sommer 2019 traf ich im Herzfeld Sennrüti ein. Eine Gruppe Menschen kaufte das ehemalige Kurhaus 2009 und baute es zu einem «Ökodorf» um. Die Menschen wohnen in individuellen Wohnungen und Gemeinschaftsräumen nach einem ganzheitlichen Lebenskonzept zusammen: ökologisches Wohnen, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit, gelebte Integration und Spiritualität im Alltag.

Hippie-Community oder Gemeinschaft nach Regeln?

Im unauffälligen Gebäude angekommen, zog ich am Eingang meine Schuhe aus, setzte mich in den Kreis aus Stühlen und Kissen und wollte gerade mein Birchermüsli verzehren, als die Frau neben mir trocken erklärte, man dürfe in diesem Raum nicht essen. Schon jetzt begannen meine Vorstellungen von einem «Ökodorf» zu bröckeln. Ok, jetzt mal ehrlich: Was stellte ich mir unter einem «Ökodorf» eigentlich vor? Ich dachte an eine Gemeinschaft, in der es keine Regeln gibt, wo man «leben und leben lässt». Ich erwartete eine Art «Hippie-Community» mit Menschen gekleidet in regenbogenfarbige Wollponchos. Im Verlaufe des Tages sollte ich die Regeln, Normen und Werte kennenlernen, die mein Verständnis von der Gemeinschaft «Ökodorf» grundlegend verändern würden.

Eines von vielen Ökodörfern in der Schweiz

In die Gemeinschaft Herzfeld Sennrüti führte mich eine Einladung zur Sommerkonferenz des Global Ecovillage Network – Suisse (GEN Suisse). Hier trafen sich Mitglieder von Ökodörfern, Lebensgemeinschaften und Wandel-Projekten der ganzen Schweiz. Das Tagungsthema lautete: «Gemeinschaftsprojekte als gelebte Antwort auf die globalen Herausforderungen». Als Mitglied des Netzwerks Caring Communities Schweiz wollte ich die Gelegenheit nutzen, neue Arten von selbstorganisierten Gemeinschaften kennenzulernen und unser Netzwerk bekannter zu machen.

Wie nicht anders zu erwarten gestaltete sich auch die Sommerkonferenz unkonventionell. In «Open Spaces» bewegte man sich frei und brachte eigene Anliegen und Ideen ein. Ich traf auf Mitglieder des Wandelhofs bei Bern, die vor der Herausforderung standen, in ihrer Gründungsphase eine gemeinsame Charta zu verfassen. Eine Frau von der Schweibenalp im Berner Oberland drückte ihr Bedauern über den fehlenden Gemeinschaftssinn in der Arbeitsgemeinschaft aus. Ein allgegenwärtiges Thema waren auch Konflikte, die beim Zusammenleben in einer Gemeinschaft  entstehen können: Das Ausbrechen eines Partners oder einer Partnerin, neue Partnerschaftsmodelle inklusive «Liebeszimmer» oder Anliegen von Jugendlichen, die in Ökodörfern aufwachsen.

Zwischen Selbstverwirklichung und Kollektivität

Ich stellte fest, dass im Kreis von GEN Suisse bereits viel Wissen und langjährige Erfahrung zu sorgenden Gemeinschaften vorhanden ist. Ob Ökodörfer, Nachbarschaftsprojekte oder Tischgemeinschaften: Der menschliche Zusammenhalt und die Fähigkeit für eine offene Kommunikation in der Zusammenarbeit bilden den gemeinsamen Nenner einer funktionierenden Community.

Mich beeindruckte insbesondere die Art und Weise, wie Menschen in der Gemeinschaft ihre Emotionen ganz offen leben und kommunizieren. Bei Wünschen und Bedürfnissen fragten die Betroffenen das Plenum: Sei es, um ein Auto auszuleihen, um schnell nach Hause zu fahren und Pflanzen zu giessen, oder um die einen Physiotherapeuten für eine Teilnehmende, die unter Rückenschmerzen litt, zu suchen.  

Meine Vorstellung eines Ökodorfs ist zwar jetzt anders als vor meinem Besuch im Herzfeld Sennrüti, aber nicht weniger idyllisch. Mein Fazit: In jeder Gemeinschaft gibt es Sorgen, Probleme und Regeln. Eines haben sie aber gemeinsam: Die Menschen begegnen sich und ihrer Umwelt mit Aufmerksamkeit und Offenheit und bahnen sich einen Weg zwischen Selbstverwirklichung und Kollektivität.

Generationenwohnen in Degersheim

Das Herzfeld Sennrüti
Das Herzfeld Sennrüti ist eine nachhaltige und ganzheitliche Lebensgemeinschaft in Degersheim (SG). In Wohnungen und Gemeinschaftsräumen im ehemaligen Kurhaus leben rund 30 Erwachsene und 30 Kinder zusammen. Sie verbindet der Wunsch nach gemeinsamen ökologischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Werten.

GEN-Suisse
Das Global Ecovillage Network Suisse (GEN Suisse) ist der Verband der Gemeinschaften und Ökodörfer in der Schweiz. GEN Suisse ist Mitglied des Global Ecovillage Network, einem globalen Netzwerk von regenerativen Gemeinschaften.

Zur Person
Rhea Braunwalder ist Ethnologin und Mitglied des Projektteams des Netzwerks Caring Communities Schweiz. Das Thema «Sorge» beschäftigte sie bereits in ihrer Arbeit zu intergenerationellen Pflegebeziehungen in Familien auf einer ländlichen Insel in Japan. Weiter gestaltet sie das Netzwerk Erzählcafé Schweiz, das sich der Förderung von moderierten Erzählcafés als Begegnungs- und Austauschorte widmet.

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