Ein Mann studiert ein Rezept, zwei Frauen lachen miteinander. Gemeinsam kochen sie ein gesundes Mittagessen.

«Geben ist heilsam»

Was tun, wenn man sich einsam fühlt? ZHAW-Professor Christoph Steinebach empfiehlt, sich einer Tavolata anzuschliessen. Der Experte für Caring Communities untersuchte im Auftrag des Migros-Kulturprozent die Erfolgsfaktoren von Tischgemeinschaften in der Schweiz und weiss, warum Helfen so gut tut.

Interview: Anina Torrado Lara
Foto: Nicolas Zonvi

Was versteht man unter einer Caring Community?

Christoph Steinebach: Caring Communities sind aus dem Gedanken der Pflege von Familienmitgliedern entstanden. Dabei unterstützen sich die Pflegenden gegenseitig im Alltag. Communities erobern aber auch andere Bereiche des Lebens: Sie entstehen, wenn eine Gruppe von Menschen sich trifft, um gemeinsam etwas zu tun. 

Was ist der Nutzen einer Community?

Die Gruppenmitglieder empfinden die Gemeinschaft als grosse Hilfe im Alltag, sie fühlen sich dadurch vielleicht auch weniger einsam. Communities können eine ähnliche Rolle wie die Familie einnehmen, denn man hilft sich mit einer gewissen Selbstverständlichkeit. In unserem Kulturkreis ist heute leider nicht mehr per se gegeben, dass man aus der Familie Unterstützung bekommt.

Richten sich Caring Communities vor allem an ältere Menschen?

Nein, das Modell ist auch bei jüngeren Generationen weit verbreitet, sei es in Form der Pfadi, als Jugendgruppe oder in der Schule. Im Kanton Luzern haben wir zum Beispiel Gesprächskreise an den Schulen eingeführt. Die Schüler besprechen ihre Probleme ganz offen, dadurch wird sofort eine «Positive Peer Culture» geschaffen. Die Themen reichen von Mathe-Schwierigkeiten bis zu Konflikten mit den Eltern.

Eine bereits bekannte Form ist Tavolata. Wie funktioniert eine solche Tischgemeinschaft?

Bei einer Tavolata trifft sich eine kleine Gruppe von Menschen regelmässig, um gemeinsam zu kochen und zu essen. In der Regel kocht immer eine andere Person, während die Gruppe beim Rüsten oder Abwaschen hilft. Mit der Tavolata wird ein Rahmen geschaffen, in dem man sich austauschen und im Miteinander Rückhalt erleben kann.

Wie halten sich Geben und Nehmen die Waage?

Die Rolle des Gebens und Nehmens wechselt in einer gut funktionierenden Tavolata ab: In einem Moment bekommen die Menschen etwas, sie nehmen etwas an. Beim nächsten Mal geben sie etwas. Dieses Geben wird als sehr positiv erlebt, denn man ist dann in der Rolle, etwas für andere Menschen zu tun. Das trägt zum eigenen Wohlbefinden bei.

An einer Tavolata tragen alle ihren Teil zum Gelingen bei.

Warum zieht der Mensch aus dem Helfen positive Energie?

Die drei Komponenten Selbstbestimmung, Kompetenz und Zugehörigkeit sind wichtige menschliche Grundbedürfnisse. Beim Geben kann ich für mich selber entscheiden, was ich für die Gemeinschaft bereitstellen möchte. Wer kocht, erlebt sich selber in einer kompetenten Rolle, denn er bekommt Komplimente. Und schliesslich fühlt man sich einer Gruppe zugehörig.

Was ist das Erfolgsrezept einer Tavolata?

Die Gruppe muss gleich zu Beginn gewisse Regeln und Absprachen treffen: Tauschen wir uns über Whatsapp aus? Wann treffen wir uns? Wer kocht, wer wäscht ab? Die Regeln dürfen nicht von aussen vorgegeben werden, höchstens, wann und wo sich die Gruppe zum ersten Mal trifft.

Welche Konflikte können entstehen?

Wenn eine Gruppe von jemandem dominiert wird, geht es meist daneben. Die Befragten haben auch gesagt, dass es eine Herausforderung ist, wenn neue Mitglieder der Gruppe beitreten. Man muss dann besprechen, wie diese sich einbringen. Man kann nicht einfach zum Essen kommen und dann wieder gehen. Frischer Wind wird von den Teilnehmenden aber auch als sehr bereichernd empfunden.

Und was ist Tabu?

Die Gruppe stellt die Regeln auf. Man kann beispielsweise abmachen, dass man die Telefone während des Essens ausschaltet. Ich kenne auch ein Beispiel, wo die Gruppe vereinbart hat, dass man nicht über Krankheiten spricht.

Wer sollte mitmachen?

Initiativen wie Tavolata sind ein gutes Mittel gegen die Einsamkeit. Wenn Menschen in einer Gruppe Hilfe bekommen, sind sie in der Regel auch gewillt, anderen das gleiche zu geben. 

Also eine Win-Win-Situation?

Ja, viele der Befragten haben gesagt, dass sie neue Freundinnen und Freunde gefunden haben und dass das Leben dadurch wieder mehr mit Sinn angereichert ist. Das tut einfach gut.

Zur Person

Prof. Dr. Christoph Steinebach ist Direktor des Departements Angewandte Psychologie und Direktor des IAP Instituts für Angewandte Psychologie an der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Er ist Mitgründer des Netzwerks Caring Communities Schweiz.

Tavolata – machen Sie mit!
2010 initiierte das Migros-Kulturprozent mit Tavolata selbstorganisierte Tischgemeinschaften. Diese tragen zur besseren Vernetzung von älteren Menschen, einer gesunden Ernährung und zum allgemeinen Wohlbefinden bei. Mehr dazu: tavolata.ch

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