«Mindestens ein Apfelbaum mit einem Tisch darunter»

Petra Hagen Hodgson erforscht an der ZHAW in Wädenswil die Wirkung von urbanen Grünräumen auf die Gesundheit – insbesondere im Alter. Im Interview erklärt sie, warum es in jeder Siedlung mindestens einen wohnlichen Ort im Aussenraum mit Apfelbaum und Tisch bräuchte.

Frau Hagen Hodgson, was ist dran am gemeinsamen Gärtnern im Alter?

Petra Hagen Hodgson: Im Garten, über Gärten und das Gärtnern kommt man gut ins Gespräch. Gärten laden zu Kontakt und Begegnungen ein. In einer Zeit, in der viele ältere Menschen alleine leben, bietet sich ein gemeinsam bewohnter und gepflegter Garten als Ort des Miteinander und Füreinander besonders an. Beim gemeinsamen Gärtnern kann man etwas erschaffen und sich unterstützen. Zugleich halten das Draussen-an-der-frischen-Luft-Sein und das Gärtnern fit und es hat einen positiven Effekt auf die Gesundheit. Auch entsprechen Wohnaussenräume, die als Gärten gestaltet sind, dem grundsätzlich wieder wachsenden Wunsch nach mehr Bodenhaftung und Verbundenheit mit der Natur.

Kann man den Einfluss von Gärten auf die Gesundheit medizinisch nachweisen?

Spätestens seit den 1990er Jahren gibt es zahlreiche medizinisch-wissenschaftliche Studien, welche die Bedeutung der Natur, des Gartens und des Gärtnerns für das physische aber auch psychische Wohlbefinden von uns Menschen belegen. Hier ist insbesondere die Gartentherapieforschung zu nennen. Wenn man sich mit Pflanzen beschäftigt, bewegt man sich und vollzieht sinnstiftende, befriedigende Arbeiten: Im Garten muss man in der Erde buddeln, kann man Früchte pflücken, an duftenden Blumen riechen oder Tiere beobachten. Durch die anfallenden Tätigkeiten verleiht der Garten dem Leben Rhythmus und Struktur. Er fordert Verantwortung, denn Pflanzen müssen gehegt und gepflegt werden, damit sie gedeihen. In der Schmerztherapie hat man festgestellt, dass Menschen eher gewillt sind, schmerzhafte Bewegungen durchzuführen, die für eine Genesung notwendig sind, wenn sie in Zusammenhang mit gärtnerischen Tätigkeiten stehen. Ebenso konnte nachgewiesen werden, dass Menschen schneller gesund werden, wenn ihr Blick vom Krankenhausbett ins Grüne geht als auf eine Betonwand.

Gibt es spezielle Caring Communities für Menschen mit grünem Daumen?

Ja, es gibt inzwischen etliche, sehr unterschiedliche Wohnprojekte, bei denen der Wohnaussenraum von Anfang an explizit als gemeinsam gestalteter und genutzter Garten gedacht und entworfen worden ist. Zum Beispiel ist für das Alterswohnprojekt Bodan44+, das aus dem Gedanken entstanden ist, nicht alleine alt werden zu wollen, der gemein bewohnte und bewirtschaftete Garten zentral oder in der Siedlung Futura in Schlieren stehen im Innenhof Gartenparzellen zur Verfügung, das Werkzeug wird geteilt, wenn man nicht weiter weiss, hilft man sich gegenseitig – über aller Generationen hinweg. In Altersheimen wie Hermolingen betreiben die Bewohnerinnen und Bewohner gemeinsam einen Bauernhof und einen Hofladen. Und kürzlich habe ich von einer Frau gehört, die ihre Wohnung aufgegeben und sich einen Wohnwagen gekauft hat. Jetzt lebt sie mit anderen Hobbygärtnern auf dem Campingplatz und ist sehr glücklich dabei.

Was braucht es, wenn Menschen einen Garten zusammen anlegen und gemeinsam bewirtschaften wollen?

Wir beraten Investoren, Eigentümer und Baugenossenschaften bei der Gestaltung und Bewirtschaftung eines gemeinschaftlich genutzten Gartens. Es hat sich herausgestellt, dass der Prozess für ein längerfristiges Gelingen entscheidend ist. Deshalb bieten wir auch die entsprechende Prozessbegleitung an, die vom ersten Gedanken bis in die Bewirtschaftung hineinreicht. Wichtig ist zum Beispiel, dass es ein paar grundsätzliche Regeln gibt. Sie sollten gemeinsam erarbeitet werden. Im Idealfall entscheidet die Community selbstbestimmt gemeinsam und legt fest, wer sich wie und für was engagiert und verantwortlich ist.

Was passiert, wenn Menschen ein Alterswohnprojekt initiiert haben, es aber zu einer Veränderung der Bewohnerschaft kommt?

Das ist eine wichtige Frage. Sie betrifft das Wohnen ebenso wie den Garten. In einer Siedlung in Muttenz beispielsweise stellte sich der Generationenwechsel als schwierig heraus. Die nachrückende, jüngere Generation wollte den über Jahre liebevoll gepflegten Wohnaussenraum verändern, die ältere, alteingesessene Generation hat sich gewehrt. Für den reibungslosen Generationenwechsel braucht es Modelle und gelungene Beispiele als Vorbilder. Mit entsprechend weitgedachten Regeln kann man einiges lösen. Wesentlich ist, dass alle sich in ihrer Sichtweise verstanden und abgeholt fühlen. 

Ist Gärtner das neue Yoga?

Neuste Studien weisen nach, dass das Gärtnern seit Jahrzehnten unverändert zu einer der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen gehört. Aber keineswegs alle wollen immer gärtnern. Wir haben deshalb 5 Typen von Gartenbewohnern im Alter identifiziert, die letztendlich für alle Generationen Gültigkeit haben. So ist ein wichtiges Momentum für den Erfolg von Gemeinschaftsgärten oder miteinander geteilten Wohnaussenräumen, dass alles auf Freiwilligkeit basiert. Wer will, kann sich engagieren. Man kann sich aber auch einfach in den Hof unter einen Apfelbaum setzen und den schönen Garten geniessen. Vielen Menschen genügt das Gefühl, dass Nachbarinnen und Nachbarn in der Nähe wären, sollte man Hilfe brauchen.

Petra Hagen Hodgson
In der Zeitschrift Hochparterre in einem gesonderten Themenheft stellt Petra Hagen Hodgson den aktuellen Stand der Forschung zum Gärtnern im Alter vor und zeigt viele gute Beispiele, wie das Miteinander im Wohnaussenraum funktioniert. Zusammen mit einem emeritierten Professor der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) hat sie die Plattform Alter Grün Raum entwickelt und das Buch «Gartenleben im Alter. 66 Schritte zu einem gemeinsam gestalteten und bewohnten Garten» (Hauptverlag, Bern 2018) verfasst. Petra Hagen Hodgson, lic. phil. I Kunsthistorikerin, leitet die Forschungsgruppe Grün und Gesundheit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen (IUNR) in Wädenswil.

Interview: Anina Torrado Lara
Foto: Anna-Tina Eberhard

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