Auf ins «neue Normal»


Pasqualina Perrig-Chiello (68) ist emeritierte Professorin für Psychologie an der Universität Bern. Im Interview erklärt sie, wie die Pandemie unsere Gesellschaft verändert hat und wer am meisten darunter leidet.


Frau Perrig-Chiello, hat die Pandemie Gräben vergrössert oder uns zusammenrücken lassen?

Pasqualina Perrig-Chiello: Die Beziehung zwischen jüngeren und älteren Menschen wurde mit der Covid-19-Pandemie auf die Probe gestellt – wie in anderen gesellschaftlichen Krisen zuvor. Im medialen Diskurs rund um den Lockdown wurden leider Jung und Alt gegeneinander ausgespielt. Die «Alten» waren zuerst die Schuldigen, weil sie scheinbar unbekümmert einkaufen und spazieren gingen, statt zuhause zu bleiben und dankbar zu sein, dass man sie vor dem Virus schützt. Sobald die Bars wieder öffneten, standen die Jungen am Pranger. Zum Glück war auf individueller, familiärer und nachbarschaftlicher Ebene eine enorme Solidarität zu spüren.

Wer hatte es besonders schwer?

Ängstliche und introvertierte Menschen hatten es sicher schwerer als extrovertierte und positiv denkende Personen. Schwer getroffen hat es alleinlebende, sozial isolierte Menschen – und das in allen Altersgruppen. Es sind viele an ihre psychischen Grenzen gestossen. Belastungsstörungen haben zugenommen, und die Suchtgefahr wurde grösser.

Wie können Menschen, die mit Einsamkeit kämpfen, eine positive Perspektive zurückgewinnen?

In der Positiven Psychologie redet man von Charakterstärken. Das sind zum Beispiel Dankbarkeit, Hoffnung, Gelassenheit, Neugier, Humor, Nachsicht oder Weitsicht. Diese Eigenschaften sind nicht angeboren. Jeder Mensch kann sie aber stärken und trainieren. Wer Dankbarkeit üben will, findet sicher zwanzigmal am Tag einen Grund, Danke zu sagen: Danke, dass meine Nachbarinnen da sind, danke, dass ich die Möglichkeit habe, einen Spaziergang zu machen, danke, dass die Spitex mir hilft. Es geht um eine positive, lebensbejahende Einstellung.

Das klingt einfach, ist aber für viele Menschen eine Herausforderung.

Ein solch einschneidendes Ereignis wie Covid-19 ist für uns alle eine Herausforderung. Wir lernen unsere Grenzen kennen. Einige erleben den «Nullpunkt», wo man ganz unten ankommt und sich verloren glaubt. Das Gute daran ist: Am Nullpunkt kann es nur noch aufwärts gehen! Werden Sie aktiv und schlagen Sie einen neuen Weg ein.

Wie macht man den ersten Schritt?

Es ist nie zu spät, etwas Neues anzufangen. Ich rate den ängstlichen Menschen, die Panik vor einer Ansteckung abzulegen. Statt jede Nachricht zu Covid-19 zu verfolgen, können sie den Fernseher mal ausschalten und was ganz anderes tun: ein neues Handwerk lernen (www.domestika.org), sich an einer Seniorenuniversität einschreiben (siehe www.uni-3.ch), ein «Amuse bouche» von Tavolata mitgestalten (www.tavolata.ch/amusebouche) oder ein Abo für eine Online-Bibliothek lösen (www.onleihe.net). Das alles geht wunderbar von zu Hause aus!

Hinweis: Dies ist ein Artikel aus der Tavolata-Zeitung «Bon Appétit!» (erscheint am 15. November 2021)

Ideen aus aller Welt

  • Die dänische Stadt Aarhus baut mit «Aarhus – Stadt gegen Einsamkeit» ein umfassendes Angebot für die alternde Bevölkerung auf – darunter viele Online-Treffpunkte, Mehrgenerationenwohnprojekte und interaktive Bibliotheken.
  • In Grossbritannien oder in Japan wurden staatliche «Ministerien gegen Einsamkeit» eingerichtet.
  • In vielen Gemeinden der Schweiz werden Siedlungs- und Wohnassistent*innen eingestellt, die älteren Menschen Zugang zum gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Fragen Sie bei der Gemeinde nach.
  • In Finnland wird «Circle of Friends» unter älteren Menschen immer beliebter. Eine Gruppe aus acht Personen trifft sich zwölfmal in drei Monaten. Sie bauen Freundschaften auf, teilen ihren Alltag, erleben zusammen etwas Neues und fühlen sich so weniger einsam.
  • Caring Communities sind selbstorganisierte Gruppen. Bei «ZÄMEGOLAUFE» beispielsweise treffen sich Menschen zum gemeinsamen Spazieren. Fragen Sie in Ihrer Gemeinde oder in Ihrem Quartier nach Caring Communities.

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