Die soziale Abwartin in Cadenazzo Tessin, Marta Marchese, besucht ältere Menschen zu Hause, wenn sie Hilfe benötigen.
Die Sozialabwartin Marta Marchese hat keinen alltäglichen Job

Die Sozialabwartin von Cadenazzo

Seit Oktober 2017 arbeitet die quirlige Marta Marchese als soziale Abwartin in Cadenazzo (TI). Sie ist eine wichtige Bezugsperson vor Ort, wenn ältere Menschen oder deren Angehörige Hilfe brauchen. Roberto Mora, Direktor der gemeinnützigen Spitex-Organisation ABAD, hat das Modell eingeführt und verrät im Interview die Erfolgsfaktoren.

Interview: Anina Torrado Lara
Foto: © Ti-Press / Samuel Golay

Herr Mora, was macht eine soziale Abwartin genau?

Roberto Mora: Die soziale Abwartin sorgt dafür, dass ältere Menschen länger zu Hause bleiben können. Sie macht einerseits die Grundpflege, andererseits baut sie eine Beziehung zu den betreuten Menschen auf. Unsere soziale Abwartin Marta Marchese ist mittlerweile fast wie eine Familienangehörige.

Aus welchem Bedürfnis heraus haben Sie die Stelle einer sozialen Abwartin geschaffen?

Viele ältere Menschen fühlen sich im Alltag unsicher, alleine oder verlassen. Sie haben keine Kinder oder diese wohnen weit weg. Marta Marchese ist immer auf dem Handy erreichbar und geht bei den Seniorinnen und Senioren vorbei, wenn sie ein Problem oder eine Frage haben. Sie hilft direkt oder organisiert im Netzwerk zum Beispiel einen Fahr- oder Mahlzeitendienst. Das Gefühl und die Sicherheit, sich auf jemanden verlassen zu können, beruhigt ältere Menschen und auch die Angehörigen, die nicht so schnell vor Ort sein können.

Wonach sehnen sich ältere Menschen am meisten?

Sie möchten soziale Kontakte pflegen und sich zugehörig fühlen. Marta Marchese organisiert zweimal pro Woche einen Nachmittag, an dem man sich trifft und zusammen leichte Gymnastik macht, Musik hört, Lotto spielt oder etwas anderes unternimmt. Wir haben einen grossen Raum mit Küche, wo wir seit kurzem auch gemeinsame Mittagessen organisieren. Die älteren Menschen nehmen das Angebot als Fixpunkt in der Woche wahr, auf den sie sich freuen können. Auf diese Weise wird die Zeit alleine zu Hause erträglicher.

Für die Senioren in Cadenazzo ist der Mittagstisch ein Fixpunkt in der Agenda.

Das klingt nach einer grossen finanziellen und organisatorischen Herausforderung.

Das Modell, das wir aufgebaut haben, ist nicht einmal so teuer. Marta Marcheses Pensum wird einerseits durch die normalen Spitex-Leistungen, die von der Krankenkasse anerkannt sind (Grundpflege), gedeckt. Andererseits werden die Kosten für die gemeinsamen Aktivitäten zu ca. 25 Prozent von der ABAD finanziert. Wir arbeiten eng mit der Sozialarbeiterin der Gemeinde zusammen und pflegen ein grosses Netzwerk an Freiwilligen. So schliessen wir die Lücke zwischen der Spitex-Grundpflege und dem Bedürfnis nach sozialer Interaktion sehr effizient.

Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Es braucht mindestens einen Profi, der für die Arbeit bezahlt wird und alles zusammenhält. Ein solch intensives Betreuungsangebot nur auf Freiwilligenarbeit zu basieren, reicht aus meiner Sicht nicht aus. Die menschlichen und professionellen Kompetenzen einer Fachperson wie Marta Marchese sind unerlässlich. Wir sind sehr zufrieden mit dem neuen Modell und können es weiterempfehlen. Massgebend sind auch die Interessen und das Engagement der Gemeinde: Natasha Caccia ist für die sozialen Themen verantwortlich und hat das Projekt von Anfang an unterstützt. Sie steht wöchentlich mit mir oder Marta in Kontakt.

Mein Motto lautet: Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg zum Propheten gehen. Wir gehen zu den älteren Menschen nach Hause, wenn sie auf Hilfe angewiesen sind und noch nicht ins Heim ziehen möchten.

Roberto Mora, Direktor ABAD

Und wie sieht die Zukunft aus?

Im Tessin gibt es praktisch keine Altersheime. Der Schritt ins Pflegeheim geschieht erst, wenn die Menschen auf eine 24-Stunden-Betreuung angewiesen sind. Als Ergänzung zur sozialen Abwartin haben wir bereits eine «Badante condivisa» eingestellt. Diese Pflegeperson verbringt mehrere Stunden pro Tag respektive pro Woche bei Menschen, die mehr Betreuung brauchen. Sie hilft im Alltag, beim Putzen, Kochen, der Grundpflege, sie spaziert mit den Leuten, jasst – und bringt auch sonst Abwechslung in den Alltag.

Zur Person
Roberto Mora ist Direktor der Associazione bellinzonese per l’assistenza e cura a domicilio (ABAD). Die gemeinnützige Spitex-Organisation wurde 1972 gegründet und ist als Verein organisiert. Die ABAD beschäftigt 165 Mitarbeitende in Bellinzona und Umgebung. Insgesamt werden 1300 ältere Menschen betreut; pro Woche freuen sich über 800 Menschen auf einen Besuch.

Radio-Sendung über Marta Marchese
Begleiten Sie die soziale Abwartin Marta Marchese einen Tag lang. Sie besucht ältere Menschen in Cadenazzo (TI) und sorgt dafür, dass diese sich nicht einsam fühlen. Hier geht’s zur Sendung.

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