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«Weisst du, Nicole, seit ich dich kenne, ist hier alles einfach geworden.»

Zweimal pro Woche schwingt sich die soziokulturelle Animatorin Nicole Tschäppät aufs Velo mit Anhänger und fährt ins Basler Schoren-Quartier. Dort stellt sie sich an einen zentralen Ort – und wartet. Meist dauert es nicht lange, bis die ersten Quartierbewohnerinnen und -bewohner auf einen Schwatz vorbeikommen. Denn Nicole Tschäppät ist zur wichtigen Ansprechperson für Familien und ältere Menschen geworden.

Interview: Anina Torrado Lara
Fotos: Kathrin Schulthess

Frau Tschäppät, welche Herausforderungen treffen Sie im Schoren-Quartier an?

Das Schoren-Quartier ist Teil des Hirzbrunnen-Quartiers. Flächenmässig ist es das grösste Quartier in Basel. Es wird begrenzt durch den Rhein, die Bahngleise des Badischen Bahnhofs und das Naherholungsgebiet «Lange Erlen» entlang der Grenze zu Deutschland. Das Schoren-Quartier wird zudem von einer eingezäunten Tramlinie «eingekesselt» und vom Rest des Hirzbrunnen-Quartiers abgeschnitten. Leider wurde es in der Vergangenheit etwas stiefmütterlich behandelt: keine öffentlichen Spielplätze, keine Freizeitangebote, dafür viele gelangweilte Kinder. Derzeit sind hunderte Familien – und vor allem ältere Menschen – von einer Massenkündigung ihrer Wohnungen betroffen, denn diese werden totalsaniert. Sie müssen, nachdem sie zum Teil mehr als 50 Jahre in der gleichen Wohnung gelebt haben, umziehen.

Nicole Tschäppät fährt auf ihrem Velo mit Anhänger zur Arbeit ins Schoren-Quartier (Fotos: Kathrin Schulthess)

Und was sind die Vorteile des Quartiers?

Positiv ist, dass die Durchmischung der Nationalitäten und Altersgruppen, die im Schoren wohnen, immer diverser wird: Hier leben Seniorinnen und Senioren neben Familien mit geringem Einkommen, Schweizer Familien neben Expats – und viele dieser Menschen helfen sich gegenseitig.

Helfen sie sich dank Ihrer Hilfe?

In den letzten vier Jahren, seit ich im Quartier arbeite, konnte ich in der Tat viel bewirken. Zuerst arbeitete ich von einem Bauwagen aus, dann von einem Container. Heute bin ich mobil mit Velo und Anhänger unterwegs und zur wichtigen Anlaufstelle für Familien und ältere Menschen geworden. Ich habe Treffpunkte wie den regelmässigen Kaffeekranz geschaffen, den Quartier-Newsletter «Sammelsurium» geschrieben und einige Freizeitangebote für alle Altersgruppen aufgebaut. Mit diesen Gefässen konnte ich ganz viele Menschen zusammenbringen. Heute konzentriere ich mich auf die Arbeit mit Seniorinnen und Senioren.

Welche Art von Hilfe brauchen diese?

Viele Seniorinnen und Senioren gehen nicht mehr viel raus, höchstens noch zum Einkaufen. Auf dem Weg dorthin finden sie mich – und ich spreche sie einfach direkt an. Sie erzählen mir dann aus ihrem Leben und dem Alltag. Anhand von dem, was ich höre, merke ich, ob sie Unterstützung benötigen. Dann kläre ich die Möglichkeiten ab und gehe wieder mit konkreten Vorschlägen auf die Person zu. Kürzlich musste eine ältere Frau aus ihrer Wohnung ausziehen, weil diese totalsaniert wird. Sie konnte die Lampen nicht selber demontieren. Ich habe einen vertrauenswürdigen Quartierbewohner gefragt, ob er ihr helfen würde. Ein anderes Mal hat ein Mann mir erzählt, dass seine Frau gestorben sei und er nie gelernt habe zu kochen. Er hatte genug von den Fertigmahlzeiten aus dem Supermarkt. Seine Geschichte regt mich an, einen Mittagstisch zu organisieren oder Senioren an einen Familientisch zu bringen.

An stark frequentierten Orten im Quartier parkt Nicole Tschäppät ihr Velo und sucht das Gespräch mit Seniorinnen und Senioren im Quartier.

Würden sich jüngere Familien denn darauf einlassen?

Wenn es ein Geben und Nehmen ist, ganz klar! Der Senior könnte mitessen und danach die Wäsche für die Familie zusammenlegen. Dann wären beide Seiten entlastet. Vorerst geht der Herr aber in eine Tagesstruktur, wo er Mittag essen, reden und jassen kann. Er kann sich dort auch die Haare schneiden lassen und bekommt Hilfe beim Duschen.  

Wie erreichen Sie Menschen, die das Haus nicht mehr verlassen?

Ich versuche, von diesen Leuten über die Nachbarinnen und Nachbarn zu erfahren. So habe ich von einer Frau erfahren, die drei Jahre lang nicht mehr draussen war. Dann gehe ich einfach vorbei, kläre ab, ob die Person etwas braucht, und lade sie zum monatlichen Kaffeekranz ein. Wir haben nun angefangen, die Menschen mit dem Auto abzuholen und ich versuche, Fahrdienste zu vermitteln. Ein Senior leistete sich jedes Mal ein Taxi, um am Kaffeekranz dabei sein zu können. Der Zufall wollte es, dass ein anderer Herr, der zum Kaffeekranz kommt, nur 20 Meter entfernt wohnt und noch Auto fährt. Die beiden haben jetzt eine Fahrgemeinschaft.

Wie hat sich Ihre Arbeit durch die Coronakrise verändert?

Seit Corona kommen die älteren Menschen noch viel öfter zu mir auf einen Schwatz vorbei. Sie waren dieses Jahr so froh, endlich wieder aus den eigenen vier Wänden zu kommen! Während der Krise habe ich alle angerufen und gefragt, ob sie Hilfe beim Einkaufen brauchen. Dann habe ich vertrauenswürdige junge Menschen gesucht, die helfen können. Leider waren die Enkeltrick-Betrüger noch schneller als das Virus: Ich wollte die älteren Leute nicht anonymen Plattformen und Personen ausliefern. Die Coronakrise hatte auch positive Effekte auf den Generationenzusammenhalt: Einer 93-jährigen Frau konnte ich eine junge Frau vermitteln, die für sie einkauft. Die beiden gehen auch jetzt noch zusammen Glacé essen.

Nicole Tschäppät ist eine wichtige Anlaufstelle im Quartier. Sie hört zu, prüft Optionen und sucht dann nach einer Lösung. So konnte sie schon viele Menschen zusammenbringen, die sich gegenseitig im Alltag unterstützen.

Würden Sie das Schoren-Quartier als Caring Community bezeichnen?

Das Quartier ist mit meiner Arbeit zu einer Caring Community geworden. Im Quartier-Newsletter «Sammelsurium» habe ich irgendwann angefangen zu kommunizieren, wenn jemand Nachmieter sucht, einen Hausschlüssel verloren oder Kinderschuhe gefunden hat. Die Quartierbewohnenden kommunizieren über das Sammelsurium mit Personen aus dem Quartier, die sie noch nicht kennen. Viele sagen mir: «Weisst du, Nicole, seit ich dich kenne, ist hier alles einfach geworden.» Die Nachbarschaftshilfe über die Siedlungsgrenze hinaus hat eindeutig zugenommen und schliesst heute auch die Neuzugezogenen und noch stärker Personen mit Migrationshintergrund und ältere Menschen ein.

Was ist Ihnen in Ihrer Arbeit wichtig?

Ich setze mich dort ein, wo ausgewiesener Bedarf besteht und sich die Betroffenen beteiligen. Damit ich immer wieder Ressourcen habe, um Neues zu initiieren, baue ich Dinge in Kooperation mit anderen Personen oder Organisationen auf, die sie langfristig selbständig weiterführen. So wird zum Beispiel der Quartier-Newsletter inzwischen von einer Quartierbewohnerin geschrieben. Weiter ist es mir wichtig, konstant neue Personen zu erreichen und die Lebensqualität für die Menschen im Quartier spürbar zu verbessern.  

Welche Vision haben Sie?

Anfangs 2021 organisiere ich einen Caring-Communities-Tag. Ich stelle mir einen Marktplatz vor, bei dem alle sagen können, «was sie brauchen» und «was sie geben können». Mit diesem Tauschhandel will ich Win-Win-Situationen für Familien und ältere Menschen schaffen. Wie schön, wenn eine ältere Dame noch fit genug ist, Kindern ein Buch vorzulesen, und im Gegenzug Hilfe beim Einkaufen bekommt, weil sie nicht mehr gut zu Fuss ist! Mit diesem Tag will ich den Ball jetzt so richtig ins Rollen bringen. Ich mache einfach, was ich mit meinen Ressourcen bewirken kann. Und das macht mich extrem glücklich.

Über die Person

Nicole Tschäppät ist soziokulturelle Animatorin und Stellenleiterin bei Fundus Basel.

Nicole Tschäppät (45) arbeitet seit acht Jahren im Bereich der Quartierarbeit. Im Rahmen ihres Studiums zur Soziokulturellen Animatorin hat die Baslerin mit Bieler Wurzeln ein Praktikum beim Stadtteilsekretariat Kleinbasel gemacht und wurde danach zur Leiterin des Projekts «Quartierarbeit Schoren/Hirzbrunnen», welches die Quartierentwicklung im Schoren begleitete. Seit anfangs 2020 ist sie Stellenleiterin bei Fundus Basel – Verein für soziokulturelle Altersarbeit und widmet sich voll und ganz den älteren Seniorinnen und Senioren, vor allem im Schoren-Quartier. Der Verein wird über Kantons- und Stiftungsgelder finanziert und ist Mitglied des Netzwerks Caring Communities Schweiz.

In ihrer Freizeit engagiert Nicole Tschäppät sich im Verein Matthäusmarkt, liest und gärtnert gerne, beschäftigt sich mit politischen Themen und setzt sich gegen Foodwaste ein, indem sie Bauern überschüssige Lebensmittel abkauft und sie in ihrem Netzwerk weitergibt.

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